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23. Juli 2003

Eine wachsende Zahl von Single-Haushalten, rückläufige Geburtenraten und die katastrophalen Ergebnisse der PISA-Studie zeigen, dass Kinder und Familien offenbar in Deutschland nicht hoch im Kurs stehen. Völlig zu Recht haben deshalb die politischen Parteien die Familienpolitik ins Auge gefasst. Dies lässt hoffen, dass das Thema vorankommt, nachdem die Diskussion über das unbefriedigende Betreuungs- und Erziehungsangebot schon seit Jahren geführt wird, ohne dass sich etwas grundlegend verbessert hat.

Während die Familien - und hier insbesondere die Frauen - mit dem Problem der Kinderbetreuung weitgehend alleine gelassen werden, scheinen sich Bund, Länder, Kommunen und Wirtschaft die Verantwortung gegenseitig zuzuschieben. Erst kürzlich hat die Wirtschaft Forderungen von Bundeskanzler Schröder zurückgewiesen, mehr Betriebskindergärten einzurichten. Viele Unternehmen vertreten noch immer die Auffassung, dass die Verantwortung für die Kinderbetreuung "eindeutig beim Staat" liege.

Dabei stehen eine aktive Beteiligung der Unternehmen an der Kinderbetreuung sowie eine familienbewusste Personalpolitik keineswegs im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen. Ganz im Gegenteil! Ein ausgewogenes Berufs- und Privatleben der Mitarbeiter trägt maßgeblich zum Unternehmenserfolg bei. Die Berücksichtigung der persönlichen Interessen und Lebensumstände der Beschäftigten fördert die Motivation und senkt Fluktuations- und Krankheitsraten. Know-how bleibt dem Unternehmen länger erhalten, und die Arbeitsproduktivität wird insgesamt erhöht. Vor allem aber wird auch das Potenzial der Mütter, deren berufliche Qualifikation oft brach liegt, besser genutzt.

Gerade vor dem Hintergrund einer zunehmenden Überalterung unserer Gesellschaft und des nicht zuletzt dadurch drohenden Mangels an qualifizierten Arbeitskräften ist die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kein Luxus, sondern ökonomische Notwendigkeit. Es darf kein Dauerzustand bleiben, dass viele Paare ihren Kinderwunsch zugunsten der Karriere zurückstellen. Vielmehr müssen "in den Unternehmen Anreize und mehr Unterstützungen geschaffen werden, um die Konflikte zwischen Beruf und Familie zu verringern", wie etwa der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung fordert. Ebenso ist es unhaltbar, dass nach einer Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt wurde, 70 Prozent beruflich qualifizierter Mütter nicht wieder arbeiten können, weil sie keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder finden.

Um die Erwerbstätigkeit von Müttern zu erleichtern, wird die Bundesregierung die Länder bei der Einrichtung von 10.000 Ganztagsschulen mit vier Milliarden € unterstützen. Die mangelnde Betreuung von Schülern ist aber nur ein Problem. So fehlt es vor allem in den alten Bundesländern an ganztägig geöffneten Betreuungsstätten für Kinder aller Altersstufen. Hier sind die Träger öffentlicher Einrichtungen gefordert in enger Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Unternehmen sowie privaten Initiativen für ein breites Angebot an bedarfsgerechten Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu sorgen. Gerade für mittlere Betriebe ist es sinnvoller, sich an der Finanzierung von Betreuungsplätzen für die Kinder ihrer Mitarbeiter zu beteiligen, anstatt eigene Betriebskindergärten zu gründen.

Noch viel zu selten tun die Unternehmen selbst etwas dafür, um ihre Mitarbeiter zu entlasten. Dabei gäbe es genügend Möglichkeiten. Einige große Firmen unterhalten Betriebskindergärten, die allerdings den Nachteil haben, dass die Kinder außerhalb ihres Wohngebietes untergebracht sind. Andere - leider noch viel zu wenige - gewähren Zuschüsse für Tagesmütter und Kindergärten. Oder sie unterstützen Elterninitiativen, die einen Kinderladen gründen wollen. In Frankfurt am Main haben in den neunziger Jahren einige Unternehmen, darunter die Commerzbank und die damalige BfG Bank, einen "Familienservice" gegründet, der bei der Suche nach geeigneten Betreuungsmöglichkeiten behilflich ist. Darüber hinaus berät er bei der Gründung von Elterninitiativen, gibt Tipps zur Hausaufgabenbetreuung und organisiert Ferienspiele für Mitarbeiterkinder.

Die Kinderbetreuung ist zweifelsohne das zentrale Thema, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Eine zukunftsweisende Familienpolitik muss die Erwerbstätigkeit von Eltern aber auch durch eine familiengerechte Arbeitszeitgestaltung erleichtern.

Dank der rot-grünen Bundesregierung besteht seit dem vergangenen Jahr zwar ein gesetzlicher Anspruch auf Teilzeitarbeit und Elternzeit. Aber die starren Arbeitszeitregeln vieler Betriebe verhindern noch immer eine Anpassung der individuellen Arbeitszeit an die Erfordernisse der Familie. Hier sind Unternehmen, Gewerkschaften und Betriebsräte gefordert. "Die mangelnde Passfähigkeit von Arbeits- und Familienzeiten ist ein großes Hindernis für die Berufstätigkeit vieler Frauen - und ein wichtiger Grund für die Abwesenheit der Männer in Familiendingen", kritisierte die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane anlässlich der Eintragung der BGAG-Stiftung Walter Hesselbach ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt.

Gefragt sind Arbeitszeitmodelle, die planbarere Arbeitszeiten und mehr Zeitsouveränität ermöglichen, wie zum Beispiel Gleitzeit und Langzeitkonten, das Zusammenlegen von Teilzeitarbeit oder flexibles Job-Sharing ohne gegenseitige Vertretungspflicht. Auch durch Telearbeit lassen sich Arbeitszeit und -ort flexibler gestalten. Freilich dürfen solche Lösungen nicht zu einer Benachteiligung gegenüber traditionellen Arbeitsplätzen führen.

Familienfreundlichkeit muss zu einem festen Bestandteil der Unternehmenskultur werden. Dazu gehört auch, dass sich in den Betrieben ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Kinderbetreuung und Familie nicht vorrangig "Frauensache" sind. Obwohl sich Väter nach einer Studie der Beratungsgesellschaft ISA-Consult eine stärkere Familienorientierung wünschen, spielen sie bei der Kindererziehung immer noch eine untergeordnete Rolle. Nur knapp zwei Prozent aller Erziehungsurlauber sind Männer. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Männer in vielen Betrieben noch immer auf Unverständnis stoßen, wenn sie Aufgaben in der Hausarbeit oder in der Erziehung übernehmen wollen. Hier ist ein radikaler Wertewandel nötig. Viele Politiker haben das verstanden. Aber ihre Anstrengungen werden nur dann Erfolg haben, wenn die Wirtschaft ihren Teil dazu beiträgt.

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